Jochen: Ich hasse Interviews die mit der Frage anfangen, wer denn in der Band was spielen würde usw. Deswegen kommt das erst als zweite Frage. Die erste ist: Mögt ihr Pizza? Und wenn ja, mit welchem Belag?
Andi: Pizza jaaaaaaa! Immer und haufenweise, es sei denn ich hab zuviel oder zu oft Pizza gegessen. Diverse Beläge, Hauptsache scharf!
Christine: Ich mag am liebsten Pizza Spinat oder Mozzarella und Tomaten, aber seit dem Euro ist Pizza zu teuer.
Martin: Eigentlich mag ich fast alles außer Kapern und Sardellen. Am besten möglichst viele Beläge auf einmal.
Lucas: Ich bevorzuge die Pizza Armenviertel. Also quasi Margarita . Ich meine, was haben Kapern auf einer Pizza verloren?
Jochen: Ok, es muss sein: Woher kommt ihr, wie alt seid ihr, wer spielt was in der Band und was habt ihr veröffentlicht?
Martin: Also wir kommen aus der Umgebung von Krefeld – ziehen aber bald nach Krefeld bzw. Düsseldorf. Wir sind zwischen 20 und 23 Jahre alt, Andi spielt Bass, Christine schreit, Lucas singt und spielt Gitarre und ich spiele Schlagzeug.
Bisher haben wir zwei Demo-Tapes draußen. Auf dem ersten ‚Mischief.Mayhem.Soap’ sind 3 Songs von unserem allerersten Auftritt. Na ja, also vom Sound her ganz gut, aber man merkt, dass es der erste Auftritt war. Damals waren wir noch zu sechst. Das war Ende 2000. Seit Anfang 2002 sind wir zu viert und seit Mai 2002 ist unser 2.Demo ‚Ready To Destroy The World’ mit 5 Songs zu haben.
Jochen: Ja, nachdem wir ja jetzt den Pflichtteil hinter uns gelassen haben und auch wissen wie’s bei euch mit Pizza aussieht, kommen jetzt die richtigen Fragen. Ich nenn’ mal drei eurer Lieder und es wäre fein, wenn ihr einfach was dazu schreiben könntet. “Today Limp Bizkit, Tomorrow the World” – würde mich interessieren was ihr denkt, wie weit man bei Satire usw. gehen darf, immerhin vergleicht ihr MTV mit Hitler und Bands die sich nicht zensieren lassen wollen mit Menschen jüdischen Glaubens. Interessiert mich, weil ich “Reagan Youth” liebe, die ja auch ne Art von Humor oder Satire hatten die man sicher hinterfragen sollte.
“Fire in the Gutter” – wie seit ihr drauf gekommen, um was geht’s usw.
und “Guilty” – das sich ja mit Gesetzen und Strafen beschäftigt.
Lucas: ‚Today Limp Bizkit…’ arbeitet natürlich mit totaler Übertreibung. Aber ich denke, dass gerade bei solch einer Übertreibung die Menschen eher mal hinhören und sich Gedanken machen. Meiner Meinung nach kann man mit Satire so weit gehen wie man will, weil jeder seine Worte irgendwo selber wählen sollte, und gerade Satire ja nun Satire ist, weil sich hinter dem Humor natürlich ein ernstes Anliegen verbirgt. Ich finde es unpassend, dass man alle Formen der Kunst irgendwo einschränkt, weil es nicht zum so genannten guten Ton gehört. Wenn alle Menschen ihre Worte mal etwas deutlicher wählen würden, wäre die zwischenmenschliche Kommunikation um einiges leichter. Zum Vergleich Hitler kommt es ja gerade erst dadurch, dass diese Leute in der Musikbranche, den „Künstlern“ die Worte in den Mund legen und ihnen quasi verbieten das zu sagen was sie denken. Daher rührt der Vergleich mit der NS-Diktatur, es ist natürlich übertrieben, aber man findet Parallelen.
Über jedes ‚Fuck’ wird ein Piepton gelegt, aber Hauptsache irgendeine Evolutionsbremse, wie der Sänger von Limp Bizkit, zeigt den Leuten, dass das Leben sich durch dicke Titten und schnelle Autos definiert. Da übertreibe ich dann lieber mal und mache es den Leuten etwas schwieriger mein Anliegen zu verstehen – worum es mir geht. Außerdem lach’ ich mich schlapp, wenn ich mir diese ganzen zugekoksten Plattenbosse in SS-Uniform vorstelle.
‚Fire in the Gutter’ wird oft falsch verstanden, es geht darin nicht alleinig um Armut. Der Text beschäftigt sich mit den Problemen, die jungen Menschen in unserer Gesellschaft gemacht werden. Wenn du ständig in Rollen reingedrückt wirst und nicht die Kraft hast die sich selber daraus zu lösen, zerbrichst du irgendwann daran und weißt selber nicht einmal warum. Für viele sind diese Jugendlichen eine Zahl oder die Überschrift in der Bild-Zeitung, aber keiner sieht den Menschen dahinter. Nimm den Amokläufer von Erfurt, was treibt einen Menschen dazu so weit zu gehen, bestimmt nicht die pure Böswilligkeit. Andere stecken uns Ziele die wir nicht erreichen können, und daran gehen viele junge Leute kaputt.
Zu ‚Guilty’ sag ich nur soviel, in einem Land in dem man wegen BtMG-Verstößen länger in den Bau geht, als wenn man irgendeinen wegen seiner Rasse oder seines Aussehens kaputt schlägt, fehlt mir für das Wort Gerechtigkeit jeder Bezug.
Jochen: Wenn ich mir die Bilder auf eurer Homepage anschaue dann merkt man, dass ihr von der Kleidung usw. schon ins klassische Punk-Bild reinpasst. Mich würde interessieren wie das so bei euch mit Kontakt zu anderen Leuten ist?
Z.B. sind mir so Asipunks auf Festivals oft zu besoffen und auch zu asig (warum kann man nicht “hey” rufen, sondern muss immer sowas wie “Fotzekopp” benutzten), so dass ich eigentlich absolut nix mit den Jungs und Mädels zu tun hab.
Martin: Man läuft ja so einigen Leute auf Konzerten über den Weg und kommt dann auch mal ins Gespräch. Mit wem man was anfangen kann, sieht man dann, es gibt ja nicht nur Asis. Wenn jetzt jemand total besoffen ist, Leute anprollt oder sonst irgend was Dumpfes macht – weiß ich auch nicht was ich mit solchen Leuten anfangen soll. Da gibt es einfach keine gemeinsame Basis. Meistens lassen die einen ja aber auch in Ruhe. Da kotzen mich so Macho-Typen, die denken sie müssten mal wieder zeigen, was für harte Kerle sie sind, mehr an.
Im Punkbereich, gibt es eben auch eine ordentliche Portion Herdenverhalten, Intoleranz, Dummheit und Leute, die sich für die Tollsten halten. So groß ist der Unterschied gegenüber der ‚bösen’ Gesellschaft nicht. Aber ich habe auch immer wieder nette und offene Leute kennen gelernt. Darum bleibt es auch immer lohnenswert den Kontakt zu suchen. Aber nur weil jemand sich Punk nennt, ist er doch kein besserer Mensch und ich muss auch mit dem nicht besser klar kommen als mit anderen.
Lucas: Mir ist es ehrlich gesagt egal wie die Leute aussehen, vielleicht lauf ich ja auch nur so rum, weil die Klamotten so billig sind. Aber gut, es gibt halt überall Idioten. Die einen liegen halt vollgekotzt in der Ecke, die anderen koksen sich das Hirn raus.
Christine: Ich wusste gar nicht, dass meine Klamotten ins klassische Punkbild reinpassen; ich ziehe einfach an das an, was mir gerade gefällt.Mir ist übrigens schon öfter aufgefallen, dass die Leute, die absolut ‚punkig’ aussehen die Verbohrtesten und Intolerantesten von allen sind.
Andi: Kann mich eigentlich nur an die Worte meiner Vorredner anschließen. Mir ist auch scheißegal wie jemand aussieht, aber auch genauso egal ob jemand „Fotzekopp“ oder „Hey“ ruft. Ich lauf meist in den Klamotten rum die mir gefallen oder die da grad liegen, das kann mal „punkig aufgestylt“ sein oder verdreckt und ungewaschen in gemütlicher Hose oder unmöglich aber auch normal.
Mit Menschen auf Konzerten, sei es nun Punk-, Oi!-, Hardcore- und hast du nicht gehört, hab ich über die Jahre bemerkt, dass es fast dasselbe ist wie überall wo ich hingehe: Es gibt einen Haufen von korrekten Leuten und viele andere Spasten oder Menschen die nicht auf meiner Wellenlänge sind oder in einer anderen Welt leben und die ich nicht brauche. Das ist so und wird wohl auch immer so bleiben, deshalb halte ich von so Phrasengedresche alla „United“, etc. gar nix sondern hänge mit den Leuten rum mit denen ich mich kommunizieren und auf die ich mich verlassen kann.
Jochen: Wie wichtig ist euch eigentlich Politik bei anderen Bands? Ihr selbst habt ja fast ausschließlich Texte die sich mit politischen Themen beschäftigen.
Was haltet ihr dann z.B. von Bands die sich “unpolitisch” nennen (wie z.b. viele Oi-Bands) oder Bands die einfach nur Spass-Musik machen?
Lucas: Unsere Texte sind nicht unbedingt politisch, weil das für uns bedeuten würde, dass sie eine Aussage in eine bestimmte politische Richtung treffen. Tun sie aber nicht. Unsere Texte sind lediglich kritisch und spiegeln mehr oder weniger wieder was passiert.
Aber da unpolitisch ja heutzutage bedeutet, dass man keine Meinung mehr hat und einem alles am Arsch vorbei geht, so lange man saufen kann und das wohlmöglich noch mit irgendwelchen Faschos, geht mir der Großteil der Oi!-Szene halt am Arsch vorbei. Allerdings ist meiner Meinung nach kein Mensch unpolitisch indem was er tut. Die meisten Leute, die so etwas sagen, tendieren eher nach rechts als sonst wohin.
Ich würde auch nicht sagen, dass Texte immer kritisch sein sollen, die Texte von den neuen Hellacopters Alben sind auch nicht kritisch aber haben trotzdem was an sich, wenn man sie mit den Scheißtexten von den vorherigen Alben vergleicht. Wichtig ist immer, das was dahinter steckt und man es ehrlich meint und nicht einfach irgendwas schreibt, nur weil man zu dumm ist richtige Texte zu schreiben.
Martin: Für die meisten ist unpolitisch eine Ausrede weil sie zu faul sind sich über mehr als ihren Mini-Horizont Gedanken zu machen. Über die meisten Oi-Bands und ihre Texte kann ich mich im besten Falle totlachen. Das ist meistens einfach nur stumpf und dann vielleicht noch rechtsoffen. Hauptsache Saufen? – Nein Danke, da gibt es wesentlich interessanteres!
Lustige Texte, die nicht einfach nur platt sind, sondern Spaß machen finde ich gut. Man muss ja nicht immer alles ernst nehmen und gute Laune setzt ja auch ne Menge positiver Energie frei. Wenn sich eine Band nur auf Spaß-Texte beschränkt finde ich das aber etwas einseitig.
Andi: Ich denke auch das grundsätzlich jeder in seinem Handeln irgendwo politisch ist, wobei ich unsere Texte doch auch eher als persönliche, kritische Meinungen sehe als ein politisches Statement, wenn die Schubladen überhaupt wieder wichtig sein sollen. Und es werden ja auch andere persönliche Dinge oder Gefühle in den Songs verarbeitet. Bei anderen Bands ist es mir, naja nicht scheissegal, aber relativ egal über was sie singen oder schreiben solange es jetzt nicht allgemeiner Faschodreck ist, obwohl ich gestehen muss das ich mir das zur Belustigung oder Analyse natürlich schon mal anhöre, was nicht heißt das ich die Leute unterstütze oder Geld für so was ausgebe.
Wenn die Texte so richtig peinlich oder einfach nur schlecht sind krieg ich einfach nur die Krise oder kann mich daran nur kurz erfreuen oder mich drüber lustig machen, wie es schon bei vielen Punk n´ Roll, Deutsch- Oi! Bands oder New School-Bollohardcore-Bands (schon wieder so viele Schubladen!) heutzutage vorkommt. Aber wenn mir die Musik gefällt dann hör ich so einen Kram halt auch. Ich kenne auch von vielen Songs die ich höre nicht immer die Texte, für mich ist Musik in erster Linie mal Musik und die kann entscheiden ob mir das gefällt oder nicht.
Das verhält sich ähnlich bei Spasstexten, wenn sie gut gemacht sind Ok, wenn sie peinlich und schlecht sind, nicht so wirklich!
Ich finds aber genauso Panne wenn sich Bands der totalen Sozialkritik und dem Underground verschreiben und immer wieder schwer “politisch“ sein müssen, wie z.B. Anti Flag (die ich mir auch gern anhöre) die dann aber nur in großen Hallen für etwas mehr Geld spielen oder Deutschpunkbands die immer noch ernst gemeint Parolen wie „Nazis raus“ oder „Auf die Bullen“ schreiben und dabei noch denken das das jetzt revolutionär ist oder irgend jemand dem sein Gehör schenkt.
Jochen: Neues Thema: In dem Lied “This ain’t Rock’n'Roll” geht’s ja um sog. “Punk”-Bands deren Videos bei MTV/Viva laufen und die ja nichts mit Punk zu tun ham.
Meine Frage wäre’, was ihr denn von so Labels wie z.B. Epitaph oder Fat-Wreck-Chords haltet, die ja im Grunde auch ihre Bands mit riesen Werbescheisse und perfekten Homepages “unterstützen” und dafür sorgen, dass diese Bands dann hier in riesen Hallen vor völlig beschissenem Publikum spielen und dass die Tickets dann auch mal locker 20 Euro kosten?
Lucas: Da ist natürlich was dran. Vor allem verstehe ich eine Band wie Anti-Flag nicht, die auf jeder Platte achtzigmal die Weltrevolution ausruft und dann für 20 Euro Eintritt in irgendeinem Kommerzschuppen spielt. In der Regel sehe ich so was aber differenzierter. Vor allem sollte man bedenken, dass Epitaph und Fat Wreck ursprünglich als kleine Labels angefangen haben und sich hochgearbeitet haben. Das waren mal ganze arme Schlucker und haben das alles aus eigener Kraft aufgebaut. Natürlich ist das mittlerweile alles ziemlich abgehoben, aber mir sind solche Leute lieber, als irgendwelche Schnösel die mit ihrem BWL-Studium in die Musikbranche einsteigen.
Man kann da jetzt drüber streiten, aber das Meiste an Kritik ist Neid und man sollte sich mal überlegen, ob man Leuten die mal drogenabhängig auf der Straße gelegen haben (siehe Brett Gurewitz), diesen Erfolg nicht gönnt. Aber in der Regel ist es immer leichter andere anzuklagen als ihre Leistungen anzuerkennen.
Martin: Gönnen sollte man solchen Bands und Labels den Erfolg schon. Was mich nur sehr daran stört, ist dass sie sich mit zunehmendem Erfolg immer mehr an die Praktiken des normalen Business angeglichen haben. Siehe die überteuerten Konzerte in ekelhaften Vergnügungsfabriken. Da wird einfach nur die Ware Vergnügen möglichst gewinnbringend verkauft. Einmal Musik-Vergnügen ohne Umtausch: 19 Euro 50. Warum benutzt man die selben ausgelatschten Wege wie alle anderen? Videos bei MTV, Touren durch die selben Hallen? Warum versucht man das nicht auf seinem eigenen Weg? Auch auf die Gefahr hin halt nicht so viel finanziellen Erfolg zu haben. Im Allgemeinen sind mir aber Epitaph und Fat Wreck tausendmal lieber als Sony und BMI.
Eigentlich ist der Text aber gar nicht hauptsächlich gegen diese Bands gedacht gewesen. Das ist ein teilweise etwas undifferenzierter Rundumschlag gegen alles Mögliche, was mich ankotzt im Bereich von alternativer Musik. Also auch gegen die ganzen neuen Rock- und Metalbands, die die selben lahmen Ideen von wegen Rockstar und meine Gitarre ist mein Schwanz immer wieder aufwärmen, oder die ganzen Dinosaurier, denen nach 20 Jahren wieder einfällt, dass sie ja mal in einer Punkband gespielt haben.
Andi: Jaja sehe ich auch wieder alles ungefähr so. Ich denke solange man bei einer Sache, sie es nun Label, Band, Zine, etc. die man sich selber und ehrlich aufgebaut hat und man immer noch alle Fäden in der Hand hat die dieses „Unternehmen“ steuern, darf man damit schon mal die ein oder andere Eurone verdienen und ich gönne es und beneide jeden darum der es schafft sein Ding fernab von aller Scheisse die um einen herum ist durchzuziehen und davon zu leben und dadurch dann auch andere Bands unterstützen kann.
Jochen: Noch ne Frage zu dem selben Lied. Was haltet ihr von Bands die Punk mit Rock’n'Roll mischen und dann diese komische Macho-Einstellung haben, so dass auf den Covers oder den Tourplakaten immer nur Karren und nackte Frauen abgebildet sind? Das ist ja oft ein übles Frauenbild dass da transportiert wird.
Christine: Ich halte da nix von. Wirkt irgendwie albern, weil die meisten Typen die stilisierten Super-Tussis und die tollen Autos, die auf ihren T-Shirts abgebildet sind, eh nicht haben können.. Meistens sind sie ja selber meilenweit von einem Schönheitsideal entfernt.
Lucas: Gar nix. Ich bin selber gerade dabei eine Band auf die Beine zu stellen die sich diesen Punk´n`Roll Sound zum Vorbild nimmt. Allerdings kotzt auch mich diese Macho-Titten-Scheiße tierisch an.
Es gibt allerdings auch viele Bands die einen verdammt guten Rock´n´Roll spielen und dazu noch korrekte Texte haben. Nimm Revolvers, DGeneration oder Motörhead. Ich höre ziemlich gerne Rock´n’Roll, sogar die Bones. Aber es ist immer dasselbe, erst werden so Bands tierisch gepusht und dann wenn sie was erreichen, sagen alle dass die Texte jetzt aber ziemlich dämlich sind. Mir ist schon bei der ersten Bones Platte klar geworden, dass man besser das Hirn ausschaltet wenn man die Texte liest. Ich schreibe sowas nicht aber wenn man es halt toll findet. Ich hab weder ´nen Hot Rod noch ´nen Highway.
Martin: Ich fühl mich weder von nackten Frauen noch von Autos angesprochen. So was gehört in den D&W-Katalog. So wie das auf den Covern und in den Texten dargestellt wird, hat es nix mit meinem Leben zu tun. Interessiert mich also auch nicht.
Was da teilweise transportiert wird halte ich für sehr übel: Es geht darum cool zu sein, toll auszusehen und die Mädels sind am besten noch dumm und halten die Klappe. Dieses ganze Fixieren auf Äußerlichkeiten, das Aufstellen von Schönheitsidealen, die dann eh nur eine Minderheit erreichen kann und alle anderen sich scheiße fühlen anstatt Selbstvertrauen zu entwickeln, was ist das denn? Die Angst und der Druck der dadurch aufgebaut wird verhindert oft, dass viele Leute, die wirklich Potential besitzen, ihre eigenen Stärken entwickeln. Das ist ja nicht auf Frauen beschränkt. Das ist so verbreitet in unserer Gesellschaft, dass es meiner Meinung nach wesentlich schlimmer ist, als die paar Fascho-Deppen.
Ich denke die meisten dieser Bands denken darüber nicht nach. Aber denen geht’s darum zu posen und irgendeinem leeren Cliche hinterher zu rennen. Die denken wahrscheinlich noch sie wären wahnsinnig alternative und machen doch das selbe wie die Gesellschaft gegen die sie denken zu rebellieren. Mich erinnert das ehr an Zirkus oder Karneval: Dieses Jahr werde ich ein cooler Rock’n’Roller mit Flammen und Eightball. Nächstes Jahr dann wieder Prinzessin.
Andi: Ich hör auch viel Rockmusik, sei es nun das neue oder das alte Zeug. Klar haben die Bands textlich meist nicht viel mit „Punk“ am Kopf und wenn jemand denn das mit den dicken Karren und nackten Frauen echt ernst meint und nicht nur als alberne Erfüllung eines Klischees sieht und sozusagen wirklich sexistisch ist, halte ich davon ebenfalls gar nix!
Auf der anderen Seite sehe ich für mich persönlich in einem Tittencover nicht direkt einen Sexismus in den Köpfen der betreffenden Bandmitglieder, manche denken darüber wahrscheinlich noch nicht einmal nach oder machen es „einfach nur so“. Wenn es den Kapellen darum geht textlich halt in ein bestimmtes Klischee zu verfallen wie z.B. die Metalband die düstere Texte schreibt, der Stimmung wegen; oder die Titten-Rock n´Roll-Band nur Sauf- und Fickorgien zelebrieren will – sollen sie ruhig. Würd ich selber wahrscheinlich nie so schreiben, aber ich hörs mir halt an wenn es gefällt.
Ich denke, dass ich die Leute immer erstmal persönlich kennenlernen muss um sie zu beurteilen. Und manchmal will ich auch eine düstere Stimmung haben oder bin in Titten-Party-Sauf-Laune; sowas kann ja auch, so plump es auch rüber kommt, nett gemeint sein, ein Assi-Vollsuff-Kompliment sozusagen: “Boahh hast du geile Titten, darf ich da mal drüberlecken?“ Ihr denkt das ist sexistisch, nein, das könnte auch der Hilfeschrei einer Kreatur nach Liebe sein, der der Frau somit huldigen will um ihr zu zeigen, dass er sie mag, weil er einfach keinen wohl artikulierten Satz zum Ansprechen herausbringen kann oder einfach nur schüchtern ist oder es nicht anders gelernt hat und er dabei aber die Frau bewundert und sie wirklich liebt, es nur absolut und grandios Scheiße rüberbringt.
Ich weiß auch nicht wirklich ob solche Texte oder Cover bei vielen Mädchen Minderwertigkeitskomplexe erzeugen oder sie sich dabei beleidigt fühlen, müsste ich auch erst mal ernsthaft untersuchen und Befragungen durchführen. Da suche ich auch eher bei irgendwelchen Werbeplakaten, etc. Über das Thema kann ich glaub ich auch ewig was schreiben ohne zu einem wirklichen Ende zu kommen, wenn ich meine Ansichten und Überlegungen dazu aufschreiben müsste würde das wohl zulange dauern, ich weiß es alles nicht. Ich hab aber solche Platten zu Hause im Schrank und denke nicht das ich Sexist bin; und wenn doch ist auch ok.
Martin: Also wenn man das so entschuldigen will: „Die können’s nicht anders, haben’s nicht anders gelernt etc.“, dann kann man jede Art von Dummheit und Intoleranz entschuldigen. Ich denke aber, dass jeder Mensch wenigstens wissen sollte mit was er andere Menschen verletzt bzw. angreift und das gefälligst sein lässt. Die Fähigkeit scheint aber unter den Menschen nicht besonders verbreitet zu sein. Lächerlich finde ich es nur, dass man dann auch noch meint, man sei so wild und anders, wenn man nicht mal drüber nachdenkt was man macht, sondern nur das macht was andere Leute oder irgendein Cliche vorgeben.
Aber ich muss auch mal sagen, dass wir immer leicht alle anderen kritisieren können. Jeder sollte erst mal bei sich selber anfangen, dass ist wesentlich schwieriger.
Jochen: Das Lied “Perfect Life Inc.” handelt ja vom perfekten, im Labor hergestellten Menschen und die Gefahren die das mit sich bringt. Erzählt mal en bisschen was dazu.
Martin: Der Text handelt von einem Unternehmen, das Eltern ihre Wunschkinder herstellt.
Das ganze ist in Form einer Werbung geschrieben – heutzutage wird ja irgendwie für alles geworben: Kaufe das und sei glücklich! Egal was, den sinnlosesten Scheiß wollen sie dir andrehen, damit du endlich glücklich wirst. Am besten gleich zwei kaufen, macht doppelt glücklich und sparen tust du auch noch. Das ist oft beste Realsatire.
Außerdem: Ist es nicht eine absolute Verkümmerung, wenn überall die wirtschaftliche Verwertbarkeit die entscheidende Instanz ist und alles andere dahinter zurückstehen muss? Anstatt dass sie billige AIDS-Medikamenten für die 3.Welt herstellen bekommen wir von den Pharmakonzernen ein neues Mittel gegen Hautalterung oder halt unser Wunschkind – da winken ja die Millionen. Ist es denn eigentlich nicht ein viel größerer Gewinn, Menschen das Leben gerettet zu haben?
Sorgen sollt einem auch machen, dass es für ein Produkt ‚Wunschkind’ sicher einen Markt geben würde: Dass Eltern ein möglichst perfektes Kind haben wollen, um dann so richtig stolz sein können, ist ja schon so und man setzt die Kinder unter einen wahnsinnigen Leistungsdruck. Das macht viele Kids schon früh total kaputt.
Das ganze ist auch eine Frage der Verantwortung von Forschern für die Monster die sie erschaffen. Nachdem sie die Atombombe entwickelt hatten, waren einige Forscher ganz heiß drauf, ihre Entwicklung nun endlich mal im Einsatz zu sehen. Die anderen hatten dann doch ein schlechtes Gewissen und baten den amerikanischen Präsidenten darum, die Bombe nicht einzusetzen. Aber die Geister die ich rief…
Außerdem geht’s auch wieder um den ganzen Scheiß mit Äußerlichkeiten, aber da habe ich mich ja schon drüber ausgelassen.
Jochen: Punk, Hardcore und andere “Lebensalternativen” bedeuten für jeden einzelnen ja was anderes, deshalb interessiert mich was Punk, abgesehen von der Musik, für euch bedeutet?
Lucas: Das ist ´ne blöde Frage. Punk bedeutet für mich vor allem, dass man Leute nach dem beurteilt was sie tun und sind, und nicht danach wie sie aussehen. Ich würde mich nie als Punk bezeichnen. Denn wenn es mal darum geht irgendetwas für andere zu tun, wodurch man selber keinen Vorteil hat, kann man die meisten so genannten Punks vergessen.
Andi: Just another Schublade! Wir sind doch eigentlich alle dieselben erbärmlichen Würmer!
Christine: Punk ist für mich doch in erster Linie eine Musikrichtung. Ich finde es schwierig, diese so genannten ‚Lebensalternativen’ klar zu definieren.
Seine Lebenseinstellung sollte jeder für sich selbst definieren. Ich habe mich nie als Punk bezeichnet. Wieso sollte ich mich in eine Schublade stecken, wenn das andere für mich tun?
Außerdem muss man sich, wenn man sich so einen Stempel aufdrückt, wieder an gewisse Regeln halten. Man trifft ständig Leute, die einem sagen, dass man alles so oder so machen muss, weil das sonst nicht ‚Punk’ ist. Darauf kann ich wirklich verzichten.
Martin: Da komme ich nie auf eine zufrieden stellende Antwort. Ich habe da keine Definition für – Ich versuche ich selber zu sein das ist schwer genug. Die Ideen und der Spaß die über die Musik und das Drumherum vermittelt werden, hatten sicher einen großen Einfluss auf mich und waren oft auch eine Hilfe. Ich würde mich selbst aber nicht als Punk bezeichnen.
Das wäre viel zu einseitig und ist mir auch zu abstrakt. Deshalb halte ich es auch nicht für notwendig eine Definition dafür zu haben.
Jochen: Letzte Frage an eure Sängerin, ich hab in deiner Playlist die neue Pladde von “Blood for Blood” gesehen und wollte fragen, was du von “So common, so cheap” hälst?
Ist ja auch ein Lied, das man kritisch betrachten sollte (Für die Leute die das Lied nicht kennen hier ein paar Textstellen: “You were so common, you were so cheap, Another coke snortin’ slut from the barroom scene.” intro:”fucking your pussy was like fucking the wound from a shotgun blast…” oder “I thought you were something but you proved me wrong. Money is your only god, what a tired boring old song.”).
Auch wenn das Lied nur für seine Ex-Freundin gedacht ist muss man sich überlegen wie das bei den Kids ankommt wenn diese Frau so dargestellt wird. Ich will dich nicht dumm anmachen oder so, schließlich hör ich die Band auch manchmal, mich interessiert einfach nur deine Meinung.
Christine: Im Beiblatt steht, ‚so common, so cheap’ sei auf die Ex-Freundin bezogen. Wenn der Typ wirklich verarscht worden ist, ist das meiner Meinung nach okay, seinen Hass in einem Text rauszulassen. So lange sich das nur auf eine Person bezieht. Da finde ich es wirklich schlimmer, wenn bei den oben genannten Rockbands die einzige Funktion der Frau ist, halbnackt auf einem Auto zu sitzen und blöd zu lächeln.
Blood for Blood ist eine Band, die ich beim Sport höre, um mich abzureagieren. Die Texte und die ganze Art wie die Band rüberkommt, ist so übertrieben, dass es schon wieder amüsant wirkt. Ich kann so was nicht wirklich ernst nehmen. Wenn ich Texte will, mit denen eine Auseinandersetzung lohnt, dann höre ich Fixtures, Kennedys oder Stiff Little Fingers.
Jochen: Ok das war`s, ist ziemlich kurz geworden aber ich hab’s nicht künstlich in die Länge gezogen weil das dämlich gewesen wäre und jetzt kommt das, was ich bei Interviews immer vermisst habe: Der “Die-Band-darf-sich-auslassen”-Teil.
Ok, das heißt ich würde mich freuen, wenn ihr jetzt einfach erzählen würdet was ihr erzählen wollt und zwar egal wie viel Platz das wegnimmt und es ist auch egal ob’s um Politik oder um Musik oder sonst was geht…schreibt einfach.
Martin: Nehmt euch und vor allem uns nicht zu ernst, bevor ihr was kritisiert, versucht es selber besser zu machen, sucht nach Alternativen, zu dem was euch vorgegeben wird, und bleibt aufrecht.
Okay, der Lucas kann sich von uns wohl am besten über etwas auslassen. Also bitte Lucas…
Lucas: Was glauben wohl sie, wer Jesus Christus war? Sie glauben er war ein Heiliger? Vielleicht Gottes Sohn? Sie liegen falsch. Jesus Christus war ein arbeitsloser Tischler, der anstatt zur Arbeit zu gehen sich lieber bei den Nutten und Verrätern rumgetrieben hat, und den Menschen Wahrheiten erzählt hat, die sie nicht hören wollten. Ich finde es unverantwortlich einen Menschen wie Jesus Christus in Zeiten so hoher Arbeitslosigkeit als Vorbild zu huldigen. So viele Menschen hätten gerne Arbeit und was macht dieser Jesus? Schmeißt einen sicheren Job um rumzurennen und von seinem Vater zu erzählen, als ob wir nicht genug Sozialarbeiter hätten. Hätte das Ende wenigstens als Abschreckung vor solch einem Lebenswandel dienen können, macht man daraus einen Heldentod. Dieser arbeitsscheue, langhaarige Sozialarbeiter wird auch noch dafür gefeiert dass er einfach nicht mehr zur Arbeit gegangen ist. Und sein Vater? Anstatt ihm in den Arsch zu treten, kocht der seinem Sohn noch sein Lieblingsessen und fährt mit dem ins Phantasialand für Verstorbene. Also ne. Denkt einmal darüber nach, wenn mal wieder Weihnachten oder Ostern vor der Tür steht. In Zeiten der Rezession sollten wir Weihnachten mal ausfallen lassen, und zwar aus moralischen Gründen. So nicht meine Herren Christen. Stellen sie sich mal vor ich würde den ganzen Tag rumrennen und von meinem Vater erzählen, sie würden mich auf der Straße anspucken und mir und meiner Familie den Tod an den Hals wünschen. Aber bei Jesus ist das in Ordnung, oder wie? Gerade sie, die die Langhaarigen Sozialschmarotzer verpönen nehmen sich ihren Adonis zum Vorbild. Schämen sie sich was. Anstatt dauernd in die Kirche zu rennen um diesem Hippie zu huldigen sollten sie ihre Zeit lieber sinnvoll nutzen und einen Krieg mit einem wehrlosen Land anfangen. Aber das widerspricht ja wohl ihrer Moral, was? Eine Moral die von einem arbeitslosen Faulenzer entwickelt wurde, der wahrscheinlich auch noch Drogen genommen hat. Die Ähnlichkeit mit Kurt Cobain kommt wohl doch nicht von ungefähr. Wenn sie die Moral von Jesus Christus zum Vorbild nehmen, können sie auch meine zum Vorbild nehmen, ich bin nämlich genauso faul, wenn nicht noch fauler. Sie merken worauf ich hinaus will? Wenn sie denken, dass Jesus Recht hatte, dann können sie als Folge keine Befehle von Leistungswilligen annehmen. Das wäre Schizophren. Die Regeln eines Faulenzers durchgesetzt und kontrolliert durch Leistungswillige? Kein Arbeitsscheuer würde so etwas dulden. Sie liegen nicht falsch mit ihrem Glauben. Sie haben sogar Recht. Aber Glauben hat auch mit Konsequenz zutun. Deswegen glauben sie konsequent an die Leistungsverweigerung, denn ihr Meister ist, ihr Herr. Stehen sie auf und sagen sie „Ich nehme keine Befehle mehr von Leistungswilligen an, denn mein Herr war eine faule Sau“. Wenn sie an Jesus glauben, dann ist die Revolution ihre gottverdammte Pflicht. Amen!
Yep! Soweit die heiligen Worte. Wer auch Frage an uns hat, darf die natürlich gerne stellen. Einfach hier melden, wir freuen uns.
(Bis hier unten hat wahrscheinlich eh’ niemand gelesen)